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Innovationspreis Weiterbildung des Freistaates Sachsen

1. Preis für das Projekt "Alphafilm" der Volkshochschule Chemnitz

 

Jährlich vergibt das Staatsministerium für Kultus und Sport des Freistaates Sachsen den "Innovationspreis Weiterbildung" (Näheres hier).

 

Der Freistaat bezeichnet diese Auszeichnung näher als einen "... Preis für beispielhafte Innovationen in der allgemeinen, beruflichen, wissenschaftlichen, politischen oder kulturellen Weiterbildung. Mit der Auszeichnung sollen herausragende Ideen oder Projekte eine öffentliche Anerkennung finden. Das gute Beispiel soll dazu anregen, eigene Ideen umzusetzen und bestehende Projekte und Initiativen zu nutzen oder weiter zu verbreiten.

Um den Preis konnten sich alle in Sachsen ansässigen und in der Weiterbildung tätigen Personen des öffentlichen Rechts oder gemeinnützige Personen des Privatrechts bewerben." (Quelle: Homepage des Staatsministerium für Kultus und Sport)

 

Die Entscheidung für das innovativste Weiterbildungsprojekt aus ganz Sachsen entfiel in 2010 auf das Projekt "Alphafilm" der Volkshochschule Chemnitz, die damit den 1. Platz belegte.

 

Thomas Rechentin, Abteilungsleiter im Sächsischen Staatsministerium für Kultus und Sport, hat am 24. November 2010 den diesjährigen Innovationspreis Weiterbildung in der Landeshauptstadt feierlich überreicht.

 

Die Platzierungen 2 bis 4 entfielen auf der Behindertenverband Leipzig e. V., das Private Bildungszentrum für soziale und medizinische Berufe Oschatz GmbH und den Interessenverband Metall- und Präzisionstechnik Osterzgebirge e. V..

 

Projekt(kurz)beschreibung:


4 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland, etwa 200.000 in Sachsen und 12.000 in Chemnitz – 12.000 Menschen, die allein in Chemnitz jeden Tag mit den schriftsprachlichen Anforderung kämpfen müssen, die sich ihnen in unserer Gesellschaft stellen. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache: das Phänomen des Analphabetismus ist aktuell und brisant.


Die mediale Darstellung des Analphabetismus begrenzt sich dabei in der Regel auf die Beschreibung einzelner Schicksale, mit einer starken Problemfixierung. In Abgrenzung dazu setzt die VHS Chemnitz mit ihrem Projekt vor allem an den Ressourcen der Analphabeten an: Die Projektmitarbeiter sind der Ansicht, dass Analphabeten durchaus in der Lage sind, mit Hilfe einer professionellen Unterstützung komplexere Vorgänge des Filmemachens zu bewältigen, selbst wenn ihre Biografien eher durch ein bildungsfernes Milieu geprägt sind.


Im Projekt Alpha Film werden unterschiedliche Perspektiven eröffnet. Ein Teil des Filmes wird aktiv durch Analphabeten gestaltet wird. Das heißt, die Teilnehmer verwirklichen je einen Kurz- oder Dokumentarfilm von 5 bis 10 Minuten Spieldauer von der Filmidee, über die Dramaturgie, den Dreh bis hin zum Schnitt selbst. Dabei muss nicht zwingend Analphabetismus thematisiert werden. Vielmehr stellen sich die Teilnehmer über ihre Themenauswahl, ihre Interview- und Kameraführung und die Auswahl im Schnitt selbst vor. Darüber hinaus entsteht ein Begleitfilm, umgesetzt durch ein professionelles Filmteam, der die Teilnehmer in ihrem Kontext vorstellt. Der Gesamtfilm hat voraussichtlich eine Spieldauer von etwa 60 - 90 Minuten.


Natürlich ist es von der Filmidee bis zum fertigen Film ein mühsamer Weg:
Ideen werden entwickelt und wieder verworfen. Während des Drehs stellt sich die Durchsetzung der Idee als schwierig heraus. Die Bedienung der Kamera muss bewältigt werden. Oft ringen die Teilnehmer mit der eigenen Motivation, denn die Erarbeitung eines eigenen Filmes bedarf einer guten Portion Ausdauer. Interviews müssen geführt werden. Schließlich will auch der große Umfang an Material gesichtet, sortiert und geschnitten werden.


Eine Herausforderung liegt in der Bewältigung der vielen Aufgaben und dem möglichst stringenten Verfolgen einer Idee. Die Teilnehmer werden in ihrem Vorhaben aktiv durch unser Filmteam, bestehend aus einer Drehbuchautorin, einer Regisseurin und Cutterin, sowie einer pädagogischen Fachkraft, die die Stränge immer wieder zusammenführen muss, begleitet.

Für den Dreh benutzen unsere Teilnehmer handliche Kameras mit übersichtlicher Bedienung und arbeiten in der Regel ohne Stativ, wodurch die Filme einen Dogma-Film-Charakter erhalten. Durch die Verwendung kleiner Kameras ist es zudem einfacher möglich, näher an Menschen heranzutreten und mit ihnen ein Interview zu führen. Geschnitten werden die Filme in den Räumen der Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanäle (SAEK) von den Teilnehmern mit Unterstützung der Regisseurin.
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die Filme durchaus auch für sich stehen könnten. Sie geben auf ganz eigene Weise einen Einblick in Gedankenwelten und Interessenssphären unserer Teilnehmer.


Was aber hat ein Filmprojekt mit Alphabetisierung zu tun? Die Antwort auf diese Frage findet sich bei der Betrachtung des Ursachengeflechts für Analphabetismus. Entlang der erwarteten Ursachen, wurden im Vorfeld des Projektes die Ziele festgelegt. Da sich Analphabetismus nicht allein auf die Merkmale der Menschen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben, zurückführen lässt, wenden wir uns an mehrere Zielgruppen. Die Öffentlichkeit spielt für uns eine wichtige Rolle. Da ist auf der einen Seite die lesende und schreibende Bevölkerung, die entweder mit großem Unverständnis auf das Phänomen reagiert, oder auf Grundlage entsprechender Stereotype Erklärungen zu finden sucht. Durch die Vorstellung unterschiedlicher Menschen mit ihren Geschichten versuchen wir eine neue Perspektive zu eröffnen und Tabuisierung und Stigmatisierung abzubauen, selbst wenn auch wir mit unseren sechs Teilnehmern keine Repräsentativität gewährleisten können. Auf der anderen Seite erhoffen wir uns Analphabeten unter den Zuschauern, die sich durch unseren Film motiviert sehen zu einem „das kann ich auch!“ und in einem ersten Schritt auf einen Bildungsträger zugehen.

 

Natürlich geht es gleichermaßen um die Lernprozesse der Analphabeten selbst. Es ist unser ausgesprochenes Ziel, unsere Teilnehmer im Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten durch einen komplexen Prozess zu führen, der in seinen Anforderungen so viel über der Leistung liegt, die sich die Teilnehmer selbst zutrauen, dass sie an ihr wachsen, also sich entwickeln können. Dazu gehört Mut und – wie gesagt - Durchhaltevermögen.

 

Zwei Beispiele aus unserem Projekt:

 

Herr R. hat lange nach einer Begründung für seine Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben gesucht – erfolglos. Den ersten Versuch einen Film zu verwirklichen bricht er frustriert ab, da die von ihm durchgeführten Interviews mit Analphabeten genau die Lernbiografie repräsentieren, die auf ihn nicht zutrifft: es gibt ein Problem mit dem Lesen und Schreiben, es wurde Mut zur Teilnahme an einem Kurs gefasst, die Situation hat sich geändert und das Lesen und Schreiben stellt keine Hürde mehr dar. Durch die Begleitung des Teilnehmers auf seiner Suche, war es möglich Kontakt zu einem Dresdner Legasthenietrainer herzustellen, der bei Herrn R. Legasthenie diagnostiziert. Die Konfrontation mit dieser Störung ist für Herrn R. neu – ein wichtiger Lernprozess setzt ein, in dem es darum geht Wege und Lösungen zu finden. In seinem zweiten Anlauf versucht Herr R. daher, einen Kunstfilm über Legasthenie und verpasste Möglichkeiten zu drehen, in dem er eine Analogie zur Archäologie herzustellen versucht und dem Thema eine neue Abstraktion verleiht.

 

Herr I. ist vom Alkohol weggekommen und hat eine ganz neue Existenz begonnen … als Frau. Frau I. hat einige schwere Krisen in ihrem Leben erfolgreich gemeistert. Das hat sie stark gemacht. Aber auch sehr vorsichtig. Sie genießt und spielt mit dem Interesse, das sie aufgrund ihres Äußeren erregt. Aber sie will nichts von sich preisgeben. Von dieser Ambivalenz ist auch ihre Teilnahme am Filmprojekt geprägt. Sie lässt sich gerne filmen, für einen eigenen Film aber fehlt ihr anfangs der Mut. Wir begleiten sie bei mehreren Anläufen, die sie dennoch wagt. Am Ende entsteht eine kleine Dokumentation über ein transsexuelles Paar, das Isabell über einen Verein kennengelernt hat – different people e.V.Analphabetismus spielt in Frau I. Selbstwahrnehmung nur eine periphere Rolle, da sie gelernt hat, ihren Alltag auch so zu meistern und Lesen und Schreiben nur eines von vielen zu bewältigenden Problemen ist. Diese Form des Umgangs stellt durchaus eine Variante dar und muss in der Diskussion des Themas Beachtung finden. Die Ursachen für das Problem beschreibt Frau I. selbst wie folgt: Ich bin zwar in die Schule gegangen... aber da hab ich auch bloß gesessen und zugehört und nischt gemacht. Lesen „4“ !“

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