zum Inhalt springen
!--TYPO3SEARCH_begin--

leben schreiben. /

Der Arbeitsprozess


Wo halten sich potenzielle Projektteilnehmer auf, wenn es in Deutschland 7,5 Millionen Analphabeten gibt, von denen geschätzt 12.000 in Chemnitz leben? Diese Frage stand wie bei vielen Projekten der Alphabetisierung und Grundbildung am Anfang der Arbeit. Zuletzt ermöglichte ein Netzwerk aus Vereinen, sozialen Einrichtungen der Stadt und Bildungsträgern den Zugang zu einer Gruppe von Interessenten.

 

Die ersten Begegnungen waren von langen Gesprächen geprägt, in denen die Teilnehmer erzählten, was ihnen wichtig ist. Gemeinsam mit der Dramaturgin und Drehbuchautorin Katrin Lehnert woben sie den Stoff für ihre Geschichten. Dafür setzten sie sich selbstständig mit einer Erfahrung, einem Ereignis oder einer Begegnung auseinander und nahmen die Rolle der aktiv Fragenden ein. Es entstand ein spannender Sichtwechsel, der den Filmemachern neue Perspektiven auf ihre individuelle Situation eröffnete und die Zuschauer für den Moment des Filmes durch andere Augen sehen lässt. Dabei sind die Filmbeiträge mehr als Auszüge aus dem Leben der Teilnehmer. Sie sind Dokumente unerwarteter Fähigkeiten funktionaler Analphabeten.   

 

Für die Dreharbeiten mussten sich die Teilnehmer zunächst daran gewöhnen, die Kamera von sich ab auf den Interviewpartner zu wenden. Für sie war es neu, Fragen zu stellen, die nicht unmittelbar sie selbst betrafen. Auch die Bedienung der Kamera war Neuland. Schritt für Schritt machten sich die Teilnehmer mit der Filmtechnik vertraut. Gedreht wurde der Film ausschließlich mit handlichen Kameras, um die Distanz zu den Akteuren vor der Kamera und später zum Zuschauer zu verringern.

Die Arbeit am Film verlief nicht ohne Konflikte: zwei der ursprünglich acht Teilnehmer haben den Prozess abgebrochen, zwei weitere waren kurz davor. Das lag einerseits an den sehr hohen Erwartungen der Teilnehmer: „Jetzt werde ich berühmt.“ Andererseits reichte die Ausdauer oft nicht aus, um Hindernisse und Probleme zu überwinden, statt davor zu kapitulieren. Und doch setzten sechs Teilnehmer die Arbeit am Film immer wieder fort.

 

Am Ende stehen sechs individuelle Kurzfilme. Alle sind gelungene Ergebnisse, die von einer Suche zeugen. Einer Suche nach den eigenen Schreibschwierigkeiten, nach Anerkennung, nach der eigenen Identität oder nach der eigenen Vergangenheit.

 

Margret Köhler beim Schnitt

Eine Dokumentation /

Der Begleitfilm


Die Teilnehmerbeiträge sind eingebettet in einen Begleitfilm, in dem die Protagonisten porträtiert und bei der Arbeit am eigenen Film vorgestellt werden. Dadurch erhalten die Kurzfilme einen Rahmen und die Geschichten einen Hintergrund. Im zusammengefügten Hauptwerk verbleibt die Essenz aus etwa 200 Stunden gedrehtem Filmmaterial.

 

Der Begleitfilm dient nicht als thematische Einführung in die Alphabetisierung. Die einzelnen Episoden der Dokumentation tangieren das Lesen und Schreiben daher nur in dem Maße, wie es im Leben der Teilnehmer – oder zumindest in dieser Lebensphase – eine Rolle spielt. Der Film ist Zeugnis eines Prozesses, in dem viel mit den Teilnehmern geschehen ist. Bei der Premiere wurde besonders eines deutlich: die Filmemacher und Protagonisten waren stolz auf das, was sie geschafft hatten. Ein Teilnehmer erklärte, er fühle sich erkannt – ein Ergebnis, das Mut macht.

!--TYPO3SEARCH_end--
Aktionen und Partner